Liebe in Unfreiheit
Meine andere Erfahrung der Liebe hat sich mir in einer der letzten Nächte gezeigt. Die Liebe, die keine ist, die mich gefangen hält, meinen Willen besetzt und mich mit. Unfreiheit ist das Gegenteil von Liebe, es gibt keine Liebe ohne Freiheit.
Wie schon so oft hatte ich einen Traum, in dem ich in meinem Auto sitze und nicht alleine darüber entscheiden kann wohin ich fahre, in dem eine Stimme von der Rückbank ertönt, die mir Ratschläge, eher Anweisungen gibt wohin ich fahren oder wie ich den Weg finden soll. Ich habe das Gefühl, dass sie gegen meinen Instinkt, gegen meine Intuition spricht.
Ich weiß, diese Stimme spricht aus meiner Seele, der Seele der Waldläuferin, die mit ihrer Erfahrung aus früheren Leben zu mir spricht. Die Stimme von der Rückbank gehört einem leibenden Menschen, es spricht also die Liebe zu mir. Das verstehe ich, denn das ist die Erfahrung von Liebe, die ich kenne. Die Stimme meiner Seele erzählt von der Erfahrung mit dem Schausteller, der die Waldläuferin gefangen hielt, ihren Willen unterdrückte und sie in die Knie zwang. In dieser Erfahrung der Gefangenschaft entstand die Erkenntnis, dass sie sich nur durch Liebe befreien konnte und ihr Wunsch sein Herz zu gewinnen. Sie, die nur Freiheit und Liebe kannte und kein Ego oder Hass, erkannte dies als einzigen Weg zur Befreiung, aber darin lag auch die Gefahr. Sie musste ihm ihr Herz öffnen und zulassen, dass sie verwundet wurde. So geschah es auch.
In dieser Erfahrung der Unfreiheit ist das erste Bild von Liebe in meiner Seele entstanden. Die Waldläuferin glaubte, dass es Liebe war, was sie schließlich befreite, sie kannte ja nur die Liebe. Seitdem glaubte sie viele Leben daran, bis zu dem Tag, als Zweifel und Schmerz größer wurden als Glaube und Freude.
Die Erfahrung der Liebe in Unfreiheit hat sich in meinem Leben mehrfach wiederholt, immer und immer wieder. Ich denke dass viele von uns dieses Erbe tragen, es kann nicht anders sein. Über Generationen und durch so viele Kulturen hindurch hat sich die Erfahrung von Liebe in Unfreiheit wie ein roter Faden gezogen und noch heute wird uns erzählt, wir sollten den anderen lieben vor uns selbst. Wir alle tragen das selbe Erbe von Macht und Unterdrückung in uns, und uns allen wurde erzählt, das sei normal, es sei zu unserem Besten oder es sei einfach so in der Gesellschaft in der wir leb(t)en. Wir wurden in dem Glauben groß, dass Liebe und Unfreiheit nebeneinander existieren könnten, dass sich Liebe eben auch so anfühlt. Auch ich habe vielfach die Erfahrung von Unfreiheit in der Liebe gemacht oder von Unfreiheit und anderen Formen der Beschneidung “zum Wohl” der Liebe. Eifersucht, die mich nicht sein ließ wie ich war oder wollte, Besitzanspruch, der mich einengte, Sexismus, Rassismus, Clicheedenken, Vorurteile, Erwartungen und Vorstellungen, denen ich gerecht werden sollte, gleich ob es mir entsprach oder nich. Tat ich es nicht, fügte ich mich nicht in die Bilder oder ließ mich nicht beschneiden wurde ich mit Missachtung, Verachtung, Ablehnung oder Zurückweisung gestraft. Liebe, die dirigiert, leitet, manipuliert, in eine Richtung drängt und gefangen hält ist keine Liebe. Liebe legt niemals Zügel an, Liebe ist zügellos, liebe zügellos! Nichts was gegen die eigenen Bedürfnisse geht kann „zu meinem Besten“ sein oder mit “Rücksicht auf die Gefühle des anderen” gerechtfertigt werden. Die unschuldige Seele jedoch, die Seele des Kindes, kennt nur die Liebe, denn aus Liebe ist sie entstanden und Liebe ist für sie das einzige Motiv und einzige Motivation. Was ein vertrauter Mensch ihr entgegen bringt wird Teil des Bildes von Liebe.
Die Waldläuferin hat dem Schausteller ihr Herz geöffnet und ihn mit Liebe betrachtet. Sie hat seine Wunden erkannt und sein gebrochenes Herz gesehen. Sie wusste, dass nur Liebe ihn heilen würde und am Ende würde die Freiheit stehen. Ein heiles Herz liebt und Liebe ist Freiheit. Doch er ließ es nicht zu, bewahrte sein Herz unter Verschluss und brachte ihr Ablehnung entgegen. Diese Ablehnung war es, die sie aus der Gefangenschaft befreite, in ihrem Herzen und ihrer Liebe jedoch eine erste missleitende, bleibende Spur hinterließ. Es war der Beginn des roten Fadens.
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