#metoo – es hört nicht einfach auf

Ich bin wütend – und dabei ist mir doch nur eine Kiste Tomaten umgefallen. Ich musste auf den Knien am schmutzigen Boden rum kriechen und die kleinen Scheißteile unter dem total verstaubten Regal hervor klauben. Der Laden hell erleuchtet, hinter mir das große Schaufenster. Es hat sich erniedrigend und ich mich entblößt angefühlt. Ich konnte nicht sehen ob hinter mir jemand steht und sich an diesem Anblick erfreut, doch es hat Erinnerungen geweckt, die in meinem emotionalen Gedächtnis gespeichert sind.

Es war 2017, 2018, 2019. Mehrmals in jüngster Vergangenheit habe ich erlebt, dass die Grenzen meiner Intimität von Männern überschritten wurden, meine Würde nicht respektiert oder gar lautstark in den Dreck gezogen wurde. Und das sind nur die letzten Ereignisse von mehreren im Laufe eines Frauenlebens wie dem meinen. Einige habe ich verdrängt. Ich habe nie viel darüber gesprochen, aber oft, sehr oft, darüber nachgedacht. Und tue es immer wieder. Unfreiwillig, die Erinnerungen und Gefühle schieben sich still immer wieder in mein Bewusstsein. Es hört nicht einfach auf.

Ob es sich wohl besser anfühlen würde hätte ich harte Maßnahmen ergriffen? Hätte ich die Männer angezeigt oder ebenso öffentlich ihr Vergehen, ihre sexuellen Übergriffe an mir, publik gemacht? Würde das die bedrückenden Träume stoppen? Die schützenden inneren Wände daran hindern hoch zu fahren und mich abzuschotten, wenn mich irgendetwas an meinem Gegenüber an die Erlebnisse erinnert? An den einen Mann. Wär mein Verhältnis zu meiner körperlichen Ausstrahlung entspannter? Würde ich mich lieber und öfter sexy kleiden und hätte Spaß daran? Wär ich freier im Umgang mit Körperlichkeit, Sexualität und meinen Träumen und Wünschen wenn ich von Anfang an die Stärke gehabt hätte bedingungslos zu mir zu stehen?

Wie oft habe ich andere geschont und Unrecht wie dieses versucht mit mir selber auszumachen? Zu oft. Denn jedes Unrecht, das nicht genau so benannt wird, das ich nicht mit Selbstvertrauen dort adressiere wo es her kam, das ich statt dessen für mich behalte, hält auch mich fest. Leise, subtil hat es Auswirkungen auf mein Leben, auf diese blitzschnellen Momente, die darüber entscheiden ob ich mich öffne, zeige und verletzlich mache oder lieber nicht. Ich kann nicht frei darüber entscheiden wieviel ich von dem, was eigentlich gesagt werden will, für mich behalte. Meine Wünsche und Träume, meine ganz realen Bedürfnisse nach Körperlichkeit und Sexualität. Zu oft bleiben sie verschlossen und unausgesprochen. Öffne ich sonst die Tür für neue Grenzübertretungen? Kann ich dann noch im richtigen Moment Stopp sagen? Oder kann es auch ein schönes Erlebnis werden, ohne dass meine Bedenken sich bewahrheiten? No risk no fun?

Ich habe über meine Erlebnisse von sexuellen Übergriffen geredet, habe erzählt was mir widerfahren ist, was ich erlebt und dabei empfunden habe, habe ihn zur Rede gestellt und ihn mit meinem Erleben konfrontiert. Es tat ihm furchtbar Leid, doch der Alkohol war schuld und so sollte er auch das nächste und das nächste Mal wieder schuld sein. Bis hierhin und nicht weiter. Zu weit, mehrfach zu weit.

Wie schön es doch wäre wieder ganz frei zu sein von diesen Gedanken, von den Bedenken. Wie schön es doch wäre einfach zu vertrauen und mich nicht daran erinnern zu müssen wie durchlässig, schutzlos, nackt und erniedrigt ich mich gefühlt habe. Wie vielen Frauen geht es wohl wie mir?

„Eine Anzeige wegen sexueller Belästigung zu haben ist nicht ohne, das bleibt haften.“

 Ja, so wie die Erfahrung der sexuellen Belästigung. Auch sie bleibt haften und rührt in meiner Scham. Meine Scham darüber zu reden und die Scham derer, die es nicht hören wollen. Es fühlt sich nicht gut an auf der Opfer-Seite zu stehen. Darüber zu reden ist nicht besser, denn damit mache ich mich scheinbar auch gleich zur Täterin. Ich klage an, ich verunglimpfe, ich säe Zwietracht, stifte böses Blut und ich versuche auszugrenzen, den, der doch schon immer Teil des Freundeskreises war, ein alter Bekannter, vertraut. Soll nun ein Zwischenfall aus dem Mund einer Person alles ändern? Soll nur wegen dieser einen Anklage tatsächlich eine alte Freundschaft auf den Prüfstand gestellt werden? Obwohl man doch beim nächsten Treffen mit ihm nichts von dem Unrecht spürt und sieht? Er ist normal, so wie immer. Kein Monster in Sicht.

„Angeblich hat er sie belästigt“, kommt dann höchstens noch dabei raus. Es würde mich nicht überraschen, wenn in den meisten Fällen nicht weiter über ihr Erleben nd ihre Empfindungen geredet wird. Als Frau, die zu ihrer Wahrheit und zu sich selbst stehen will, wird frau zur Anklägerin und muss sich gut überlegen, ob sie sich durch das Bekennen nochmals verwundbar machen will. Ob sie das Salz in der frischen Wunde riskieren will und ertragen kann. Und sie muss damit rechnen, dass ihr kein Glauben geschenkt wird. Durch allzu schnelle Verdrängung dort, wo ihre Worte gefallen sind, einfach alles so bleibt wie es immer war. Mit ihm als Teil des Freundeskreises, der nun für sie viel kleiner geworden ist, zerstückelt und in dem eine Tretmine zu Hause ist.

Soll ich der Einladung folgen? Soll ich zum Geburtstag der Freundin gehen, wenn er auch da ist? Er wird da sein. Warum auch nicht? Er ist schließlich ein alter Freund, so wie ich eine alte Freundin bin. Ja, ich würde ihren Geburtstag gerne mit ihr feiern, so wie immer, aber es hat sich geändert. Er wird auch da sein, wie immer, und er wird trinken und von Stunde zu Stunde eine größere Bedrohung für mich darstellen. Er wird in seinem Verständnis Anspruch auf mich haben, ich werde die Haltung der Selbstverteidigung einnehmen müssen. Darauf muss ich mich einstellen, gefasst machen, besser nicht die Zügel loslassen. Abgesehen von der Tatsache, dass ich mich von Anfang an nicht wohl fühle und mir bereits vorher überlegt habe was ich anziehe um nicht „aufreizend“ rüber zu kommen, frage ich mich ob ich mich den Anforderungen und dem Zwiespalt aussetzen muss, die diesen Abend begleiten werden. Fröhlich sein und Spaß haben und je später die Stunde um so achtsamer sein müssen. Ist es das, was ich will? Komme ich damit ungeschoren davon? Unangetastet aber dennoch erniedrigt? Oder steigt am Ende des Abends wieder das Gefühl belästigt worden zu sein mit mir ins Taxi? Setze ich mich dem aus oder bleibe ich alleine?

Ich sage ab, unter einem hoffentlich plausibel klingenden Vorwand. Ich will nicht ihr die Verantwortung dafür geben, dass ich nicht komme oder sie in die unbequeme Lage versetzen ihn ausladen zu müssen oder sich zu entscheiden. In Wahrheit fühle ich mich schlecht dabei, egal wie. Wenn ich zusage genauso wie bei der Absage, egal wie ich es drehe. Es würde weh tun entschiede sie sich für ihn. Ich bringe es nicht fertig mich ihr ehrlich anzuvertrauen. Also nehme ich in Kauf, dass ich mich unbeliebt mache, und unserer Freundschaft schade. Im nächsten Jahr bleibt die Einladung aus.

Wäre alles anders gekommen hätte ich ihn damals angezeigt? In dieser Nacht, als er mich behandelte wie eine Hure, mich trotz vorheriger, unmissverständlicher Zurückweisung angrabschte und lauthals beschimpfte als ich mich ohne ihn auf den Heimweg machte?

Hätte ich den sexy Hosenanzug, über den ich mich so gefreut hatte, jemals angezogen, wenn der Schneider mir nicht an den Arsch gefasst hätte?

Würde ich mich öfter trauen mein Dekolleté zu zeigen und meine runden Hüften und Hintern, die ich eigentlich mag, wenn ich nicht im Hörsaal erfahren hätte, dass er genau hierüber erfolgreich bodyshaming betrieben hatte?

Könnte ich meine Lust zulassen und sie freier und ungezügelter leben, wenn sich nicht all diese Erinnerungen in mir angesammelt hätten?

Ich will, ganz unbefangen und frei, mich schön und sexy fühlen und es zeigen und dabei respektiert und ernst genommen werden, gerade dann, wenn ich weich und empfänglich bin. Mich öffnen, mitteilen und verletzlich sein, ohne verletzt zu werden. Es macht mich traurig das sagen zu müssen.

„Angeblich wurde sie sexuell belästigt“.

Dieses angeblich gibt es nicht. Es ist da, mal tags, mal nachts, und lässt mich so einfach nicht los. Es braucht Mut darüber zu sprechen, mehr als ich dachte, doch es gibt keinen Weg daran vorbei, nur den Weg da durch. Ich wurde belästigt und ich will mich von der Schwere, die er hinterlassen hat befreien. Wo stehst du? #metoo

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