Februar – Tage des Gedenkens oder Das Geheimnis der Liebe liegt im Tod

Es ist noch nicht so lange her, dass ich die Kraft wieder gefunden habe über ihn und seinen Tod zu schreiben, die Wunde musste lange heilen. Mein Tagebuch von 2017 hat große Lücken nach diesem Tag und ich habe es bis letztes Frühjahr nicht gewagt die Einträge zu lesen oder darüber zu schreiben, wie es mir nach seinem Tod ging. Letztes Jahr am 9. Februar hat sich etwas in mir gewandelt, ein wirklicher shift, der mich selber verblüfft und erstmal sprachlos und verwundert durch den Tag hat wandeln lassen.

An diesem Tag bin ich in meinem Bett in Tirol aufgewacht. Es war weißer Winter, alles war mit einer dicken Schneeschicht bedeckt und die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Ich wurde wach mit einem einzigen Gefühl, das mich weckte und durch den ganzen Tag begleitet. Ich fühlte mich so erfüllt von Liebe wie sehr lange nicht mehr, auf diese Art vielleicht noch nie zuvor, und ich wusste, dass diese Liebe von ihm kam, von meinem Vater. Ich spürte seine Energie und Präsenz dort vom Fenster her, als schwebte sie zu mir rein. Ganz nah bei mir, aus mir heraus, mit mir unter meiner Decke lag mein von Liebe erfülltes Herz, das seine überströmende Liebe mit dem Mann teilen wollte, den ich stillschweigend immer noch liebte.

Dies war der erste, wunderschöne Tag der Erinnerung an meinen Vater, seit er gestorben war. Ein Tag an dem die Tränen nicht schmerzhaft und voll Verzweiflung waren, sondern erfüllt von tiefer Dankbarkeit und mit der Gewissheit, dass wir weiter verbunden sind und immer sein werden. An diesem Tag hat Pä mir geholfen mein Herz wieder zu öffnen und mich dazu ermutigt der Liebe wieder Platz in meinem Leben zu geben, zu meiner Liebe zu stehen und ihr nachzugehen. Meinem Herz zu folgen, wohin auch immer es mich führen wollte. An diesem Abend saß ich in der warmen Stube am Kamin und schrieb meinem Ex.

Seit diesem Tag vor fast einem Jahr kann ich den Verlust und das Vermissen meines Vaters bewusst wahrnehmen, zulassen und dem offen in die Augen schauen, dass er nicht mehr lebt. Ich fühle aber auch, dass er trotzdem noch bei mir ist, mich mit seiner Energie begleitet, mal mehr mal weniger. Wenn sich am Himmel in der dichten Wolkendecke ein Loch auftut und die Sonne oder Mond und Sterne hindurch scheinen, so wie ich es am Tag seines Todes wahr genommen habe, weiß ich, dass er da ist. Ich glaube seine Seele ist bei seinem Tod durch dieses Loch in den Wolken entwichen. Seither  ist es sein Fenster am Himmel, durch das er, seine Seele, mit mir in Verbindung tritt. Dann nimmt er Teil, an meinem und an unserem Leben, schaut sich an was wir so treiben und schüttelt sicher manchmal den Kopf dabei.

In den meisten Momenten, in denen ich spüre, dass er da ist, dass wir in Verbindung sind, ist er Stütze und Ermutigung. Ich schöpfe Kraft, Mut und manchmal auch Geborgenheit aus diesen Momenten, wie in der Nacht zum ersten November in Kroatien am Meer. Er war es, der mir in dieser Nacht Schutz und Geborgenheit gegeben hat und mich friedlich wie ein Baby auf den Felsen hat schlafen lassen.

In anderen Momenten rede ich auch mit ihm. Letztes Jahr, während des lockdown im Frühjahr, habe ich an einem Abend den Sonnenuntergang im Westpark durch eben so ein großes Loch in der dicken Wolkendecke gesehen. Die Wolken waren orange und pink von der untergehenden Sonne und die ganze Stimmung war beeindruckend und verzaubernd schön. Ich habe das Loch in den Wolken das Auge des Drachen genannt. Mein Vater hatte ein fable für Drachen und für mich steht der rosa Drache für die höchste Prüfung in meinem Leben. Die höchste Prüfung an deren Ende die einzig wahre, die bedingungslose Liebe steht. Auf diese Suche habe ich mich begeben, war ich vielleicht schon mein ganzes Leben lang, doch jetzt hatte ich Unterstützung von denen, die sie kennen.

Es war sein strahlender, ermutigender Blick, der zu mir sprach, und mich darin bestärkte, weiter meinem Herzen zu folgen, auch wenn es mich verunsicherte, sich nach Schmerz und großer Herausforderung anfühlte. Ich spürte sein Vertrauen in mich und seinen Zuspruch, was mir wiederum Vertrauen in mich und meinen Weg gab.

Ich empfinde es als unglaublich kraftvoll mich diesen Momenten zu widmen, mich hinzugeben, hinzusetzen oder dort stehen zu bleiben wo ich bin, um mit ihm in Verbindung zu treten, schweigend oder redend. Zu spüren, dass da eine wirkliche Verbindung ist, dass diese Energie Raum und Zeit überwindet, hat mir gezeigt, dass Liebe niemals stirbt.

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2 thoughts on “Februar – Tage des Gedenkens oder Das Geheimnis der Liebe liegt im Tod

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  1. Sehr ausdrucksvoll und nachfühlbar, was Sie schreiben. Das Beste was uns der Tod bietet ist die Erinnerung an das Leben und das spendet irgendwann den Trost, den wir brauchen.

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