ohne Worte

Ich hab lange nicht geschrieben, zumindest nicht hier. In der Zwischenzeit habe ich aber ein neues Tagebuch begonnen. Manche Dinge schreiben sich einfach besser per Hand, direkt vom Kopf aufs Papier. Da steckt mehr Freiheit drinnen, als es zu tippen. Wenn ich in mein Tagebuch schreibe entstehen die Worte ganz von selbst beim Schreiben, es ist ein lebendiger Prozess, der sich im selben Moment entwickelt und verändert. Oftmals wird mir beim Schreiben erst bewusst was ich sagen will und dann auch was ich wirklich gerade fühle und denke, was durch mich durch läuft.

Heute probiere ich es einfach mal hier, so wie sonst auf Papier.

Ich habe lange nicht geteilt wie es mir geht und was in mir vorgeht. Nicht etwa, weil es nichts zu berichten gegeben hätte, sondern weil ich mir selbst immer näher gekommen bin. Es war als hätte die Zeit in Sarajevo alle äußeren Schichten sich zeigen lassen und mir damit die Möglichkeit gegeben tiefer einzutauchen, noch tiefer. Manchmal kann ich es selber kaum glauben, dass es immer wieder noch eine Stufe drunter gibt, eine Schicht mehr, die sich zeigt. Manchmal denke ich mir schon, hört das eigentlich nie auf? Kommt da jetzt mein Leben lang immer wieder was zu Vorschein? Wöchentlich? Monatlich? Mit jedem Vollmond oder jeder Periode? Oder einfach so, als Überraschungspaket, Tadaaa! Und dann sitze ich plötzlich morgens in der Meditation und weiß wieder nicht wie mir ist und was da eigentlich abläuft.

Wenn es mich kalt erwischt und ein Tauchgang ansteht, in dem sich meine Energie plötzlich von außen nach innen kehrt, ohne dass ich hinterher komme, fühle ich mich schonmal verloren und überfordert. Ich bin dann froh, wenn ich erstmal ne Runde heulen kann, damit die Spannung nachlässt und Tränen und Worte die Unklarheit wegwaschen oder zumindest beginnen zu sortieren. Es geht dann ein Türchen auf, durch das ich gehen kann und damit kommt alles ins Fließen. Ginge ich nicht durch dieses Türchen, sondern bliebe draußen stehen, würde ich mich keineswegs besser fühlen, die Spannung bliebe und ich müsste Wege finden sie zu verdrängen. Das machen viele Leute, wenn die Angst zu groß ist das zu konfrontieren, was hinter dem Türchen wartet. Ich verstehe auch warum. Es ist unbequem, anstrengend und kann einem Angst machen. Es ist das Unbekannte in uns selbst, was bereit ist sich zu zeigen, und haben wir es einmal gesehen, geht es nicht mehr weg, ob wir wollen oder nicht. Davor laufen viele davon. Ich denke aber, dass alles, wovor wir davon laufen und was wir versuchen zu bekämpfen (ALLES!) uns folgen und irgendwann einholen wird. Ich denke auch, dass wir vor nichts von all dem, was sich uns zeigen und von uns gesehen werden will, möge es auch noch so dunkel sein, Angst haben müssen. Nichts davon wird uns wirklich schaden, im Gegenteil, alles was wir auf dem Weg der Einkehr, des in uns Gehens finden ist zu unserem Guten. Selbst wenn wir es nicht erwarten oder uns gewünscht haben. Das Leben (ich sage lieber das Universum) hat keine bösen Absichten, es will uns nicht schaden, böse Absichten sind die Erfindung von uns Menschen und es ist an uns ob wir diese Erfindung auf etwas oder jemanden projizieren oder gar anwenden wollen.

In den Wochen nach Sarajevo habe ich Zentral- und den Westen Bosnien und Herzegovinas besser kennen gelernt. Ich bin in meinem üblichen Tempo von 2-4 Übernachtungen pro Ort einmal bis ganz in den Norden gefahren und wieder zurück. Sarajevo, Mostar, Travnik, Bihać und zurück (vereinfacht dargestellt). Es war eine schöne Zeit, ich hatte das Gefühl dieses Land ist so gut zu mir, so sanft und liebevoll. Ich bin, egal wo ich war, auf nette Leute getroffen, wurde eingeladen, mir wurde geholfen ohne dass ich danach gefragt hätte, ich wurde beschenkt und hab viel mit Leuten gelacht. Ich wurde teils so freudig empfangen, als hätte mein Vermieter oder der Tankwart schon lange auf mich gewartet, teils so ungläubig und staunend begutachtet, als hätte kein Ausländer jemals diesen Flecken Erde betreten. Ein Lächeln und beherztes “dobar dan!” hat den Bann dann meist gebrochen. BiH ist ein wundervolles Land, und das wo ich erst die Hälfte gesehen habe! Es ist ein Land voll Berge, Flüsse, Täler und sich ständig ändernder Landschaft. Deshalb habe ich mir auch für einen kleinen Teil so viel Zeit gelassen. Dauernd musste ich anhalten, aussteigen und in die Landschaft schauen, sie in mich aufnehmen. Manchmal hätte ich das Gefühl, den Geruch und die Klänge gerne in einem kleinen Glas eingefangen und mitgenommen. Die Wälder duften hier wie ich es nirgends anders je wahrgenommen hätte. Es gab Momente, in denen ich den Tränen nahe war, in denen ich einfach nur mit dem Moment und Ort hätte verschmelzen wollen. Momente tiefer Berührtheit, in denen ich mich selbst als Teil von allem, Liebe und Heimat gespürt habe.

Ich hab mich in den Wochen nach Sarajevo mitnehmen lassen, tragen und führen lassen, habe mich hingegeben und bin eingetaucht und dabei in Tiefen meines Selbst vorgedrungen, die mir Unbekanntes und Neues gezeigt haben. Die Reise in BiH war, wie auch schon die Monate in Kroatien und Montenegro, eine Reise zu mir selbst, doch dieses Mal so frei von irgendwie Bekanntem. Es war viel mehr die Begegnung mit dem Unbekannten und Ungesehenen in mir, als mit alten und wiederkehrenden Themen, auch wenn diese nicht ganz ausbleiben, niemals, wie mir scheint. In einem doch sehr männlich geprägten Land, in dem ich mich sicher von überwiegend patriarchalen Strukturen und gesellschaftlichen Prägungen umgeben gefühlt habe, haben sich mir, aus mir heraus, Seiten meiner Weiblichkeit gezeigt, die mir zuvor so nicht bewusst waren. Die bis dahin vielleicht noch gar nicht soweit gewesen wären sich zu zeigen. Nun waren sie es. Vielleicht war es dieser Kontrast, vielleicht das Spiegelbild, das entsteht, wenn man in einen ruhigen See schaut, vielleicht auch die Herzlichkeit, Offenheit und Verbundenheit der Menschen, denen ich begegnet bin, die mich haben eintauchen lassen. Ich habe Tiefe und Verbundenheit mit der Natur erlebt, die nicht widerzugeben sind, und ich habe gespürt, dass diese Wochen, diese Zeit, meine heilige, intime eigene Zeit ist, die mir meinen Kern offenbart, mich an einen unbekannten, lange verschlossenen Ort führt, der mit viel Vorsicht, ohne Erwartung, Wertung oder Hast von mir, und nur mir, betreten werden darf. Einfach ohne Worte.

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