Ungebremster Fluss

Ich habe eine bewegte Zeit seit vor gut zwei Wochen der Wendepunkt meiner Reise erreicht war und ich auf Hvar in Kroatien angekommen bin. Mein erster Stopp auf der Rückreise Richtung Deutschland. Nicht, dass die Energien und Emotionen in mir an sich etwas Neues wären, aber es liegt eine andere Dynamik in ihnen als in den letzten Monaten, eine andere Intensität. Der Richtungswechsel zeigt auch hier seine Wirkung.

Ich habe viele Prozesse durchlaufen in den vergangenen Monaten und es hört nicht auf. Das ist auch manchmal anstrengend. Ich kann mich zwar gut mit anderen Dingen beschäftigen und mir eine Pause verschaffen, aber deshalb bleibt der nächste Prozess nicht aus, ich schiebe ihn nur ein bisschen auf. Auch jetzt bin ich wieder im Fluß, habe das letzte Drittel des kleinen, inneren Kreislaufs erreicht, der mich gerade noch beschäftigt. Auch dieses Mal ist der Ablauf wieder der gleiche: von der Reflektion, der Erkenntnis, dem Moment des Lichts in meinen Gedanken, geht der Start der Veränderung durch Begreifen aus und bringt mich über das Fühlen zum Erleben dessen, um was es gerade geht. Die emotionale Bewegung in mir, zeigt sich als Unruhe, Ungeduld, Ärger, Langeweile oder in undefinierbaren Gefühlszuständen, um schließlich ihren „Aggregatszustand“ zu verändern, wenn ich mich dem ganz widme oder eher hingebe. Kann die Emotion ungehindert durch mich durch fließen nimmt sie den Raum ein, den sie braucht, und verschafft sich schließlich Luft. Das ist der Moment, wenn die Gefühle an die Oberfläche treten, sich äußern oder geäußert, befreit werden wollen, als Schreien, Fluchen, Singen, Tanzen, Weinen, in Bewegung und Ausdruck jeglicher Art, auch im Schreiben und Malen.

Der körperliche Ausdruck ist wichtig für mich und diesen Prozess, loszulassen, was sich staut und aktiv zu befreien, was hängt, bei lauter Musik durch den Raum zu springen und alles abzuschütteln, mich freizuschütteln, ist unerlässlich und tut so gut. Erst dann kann die stille Phase der Integration beginnen, erst dann kann ich mich sortieren, erholen und entspannen, und an die Stellen wo etwas gegangen ist, kommt das Neue.

Manchmal bleibt jedoch erstmal ein Loch, eine Leere, ein Nichts und ein Fragezeichen mit den Worten „Was kommt als nächstes?“. Davon habe ich ja auch schon oft geschrieben. Es ist immer wieder ein irritierender Zustand und trotzdem heißt es immer wieder abwarten und beobachten, denn es wird etwas kommen, das ist sicher.

In den letzten Tagen habe ich genau diesen Prozess wieder durchlaufen, und auch wenn ich den Ablauf kenne, weiß ich doch nie wirklich, was auf mich zukommt. Was ist es, das an die leere Stelle treten wird? What’s next? Dieser Tag des nicht-Wissens war vor 2 Tagen, an dem Tag, als ich eigentlich dachte aus Trogir aufzubrechen und weiter Richtung Norden zu fahren, doch ich wusste nicht wohin. Ich hatte kein Interesse an neuen Orten und schon gar keine Lust auf Apartmentsuche zu gehen. Also habe ich mich an meine Erkenntnis aus Sarajevo erinnert und bin einfach geblieben. Und hier bin ich auch jetzt noch.

Ich habe nur diese eine, einfache Entscheidung getroffen zu bleiben und alles andere losgelassen. Ich bin wenige Kilometer von dem Strandcafé entfernt, in dem ich mit einem Freund in der Sonne saß, an den Ort gefahren wo ich mir vorstellen konnte zu bleiben. Am Ende einer ruhigen kleinen Straße außerhalb des Dorfes Slatine auf Čiovo, dort wo der Wald beginnt. Hier saß ich am Straßenrand, die drei Häuser mit dem Schild „Apartment“ in der Straße schienen leer und auf der Nummer, die ich online gefunden hatte ging niemand dran. Ich aß die Reste vom Abendessen und wartete einfach in der Sonne, bis ein Mann auf seinem Roller die Straße runter kam.

So bin ich zu meiner jetzigen Unterkunft gekommen, einem großzügigen, hellen Bungalow am oberen Ende der Straße, mit großer Terrasse, Blick auf die Meerenge und die Lichter der Orte am Festland gegenüber. Hinter mir der Wald. Ich habe mich nach einem ruhigen Ort gesehnt, schon eine ganze Weile wünsche ich mir einfach nur den Wind in den Bäumen zu hören und hier bin ich dem sehr nahe. Mein Wunsch wurde gehört. Das Universum meint es gut mit mir.

Ich habe nichts dafür getan, dass ich nun hier sein darf, ich habe einfach abgewartet und es auf mich zukommen lassen. Das ist das Schöne an dieser Reise, dass ich (fast) immer dort ankomme, wo mein Herz sich hin sehnt. Herzenswünsche werden gehört und es gibt diese eine, große Macht in unser aller Leben, die diese Wünsche gerne und so gut erfüllt, dass es manchmal schier unglaublich ist 😊

Ich weiß, ich werde mir noch einige Tage hier nehmen und genießen. Es ist herrlich unaufgeregt hier, ich kenne die Umgebung und es gibt nicht viel zu entdecken, ideal um zu entspannen und das wirken zu lassen, was ich emotional in den Tagen vor meiner Ankunft erlebt habe. Es waren sehr bewegte Tage und die Gefühle gingen in die Tiefe. Es spielt so viel da rein, so viele Gefühle bezüglich der letzten Wochen meiner Reise zu mir selbst und der nahenden Rückkehr nach Deutschland und München, und leider auch Befürchtungen, von denen ich mir wünsche ich könnte sie ablegen. Ich würde gerne ohne Erwartungen und ohne Befürchtungen auf Heimreise gehen und ankommen, was ich im Moment noch schwierig finde. Und ich merke, dass diese Energie sich mehr auf mich auswirkt als mir lieb ist. Sie hinterlässt ihren Fußabdruck in den Erlebnissen der letzten Tage.

Ich habe meine letzte emotionale Begegnung aufgeschrieben und auch was ich darin sehe, was ich denke, was sie mir zeigt. Mir ist aber auch klar, dass das lediglich eine mögliche Sichtweise ist und dass auch eine oder mehrere ganz andere Blickwinkel möglich sind. Zudem mache ich immer wieder die Erfahrung, dass es gut ist die Ereignisse nicht ins Detail auseinander zu nehmen, nicht alles zu analysieren und zu iterpretieren, sondern es einfach so, wie es ist, stehen zu lassen. Es zu akzeptieren und gelassen zu beobachten was weiter passiert. Das ist manchmal leichter gesagt als getan, aber jeden Versuch wert. Deshalb werde ich mit der nächsten Geschichte auch genau so weiter verfahren. Ich nutze diesen wunderbaren Ort der Ruhe und Gelassenheit hier um meine letzte emotionale Begegnung mit einem Baum weiter seine Wirkung tun zu lassen und nichts weiter zu deuten. Trotzdem möchte ich meine erste Interpretation, mein Gefühl und die Rückschlüsse, die sich mir aus der Begegnung eröffnet haben, mit euch teilen. Vielleicht entsteht in den kommenden Tagen ein neues, ganz anderes Bild. Alles ist im Fluss.

One thought on “Ungebremster Fluss

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  1. Mit der intensiven Erfahrung von Achtsamkeit bist Du gut ausgerüstet für die Heimreise in ein verändertes Deutschland

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