Bis auf den Grund

Stille. Leere. Dunkelheit.

Es ist spät und ich weiß nicht, ob es noch Sinn macht zu schreiben. Ich weiß überhaupt nicht mehr was Sinn macht. Macht mein Leben Sinn? Meine Existenz? Mein Dasein?

Wo ist er dieser Sinn und warum spüre ich ihn nicht? Er entzieht sich meiner Wahrnehmung und lässt mich seit Tagen im Nebel irren. Planlos, unwissend, ohne Orientierung.

Wie finde ich den Sinn? Gibt es ihn überhaupt? Hat jedes Leben einen Sinn? Einen wirklichen, tieferen oder höheren? Nicht einfach nur eine Daseinsberechtigung, einen Grund zur Existenz, nein, einen wahrhaftigen Sinn, der mich untrennbar mit allem verbindet, der mich zu diesem kleinen aber unentbehrlichen Teil des ganzen Universum macht und mich in ihm Mikro-Welten bewegen lässt?

Machen unsere Leben wirklich nur Sinn im Tun und Handeln, im Schaffen und Machen? Nicht im Sein? Ist Sein alleine nicht genug um von Sinn zu sprechen?

Ich suche nach dem Sinn meines Daseins, nicht im Handeln, im Tun und Machen, im Arbeiten oder sonstigen Beschäftigungen, sondern in meinem Sein.

Ist das zu viel gefragt? Leide ich an Größenwahn? Erwarte oder suche ich nach etwas, das über meine Kapazitäten, über den vorgesehenen Raum meines Seins hinaus geht?

Was wenn die Antwort auf meiner Suche nach dem Sinn schlicht Nein ist? Sollte ich mich hier und jetzt darauf beschränken, dass ich einfach ein Rädchen in unserem menschgemachten System bin, und in diesem einfach eine Aufgabe, eine zweckmäßige Beschäftigung ausüben sollte? Tun worin ich gut bin, ohne Hoffnung auf einen tieferen Sinn, auf etwas überirdisches, Magie, Kräfte, Energien und Existenzen, die über mein Bewusstsein hinausgehen? Soll ich vergessen was ich erlebt und erfahren habe? Einfach so sein und tun als ob alles Zufall ist und mich auf die offensichtlichen Weisheiten meines Verstandes beschränken, für den unsere Welt konzipiert ist?

Wird mich die Frage dann jemals loslassen, was der Sinn des Ganzen ist, all der letzten Jahre bis hierhin? Wozu dann die Umbrüche, die Einstürze, die Prozesse, die Kreisläufe, das Loslassen, die Verluste, das Auflösen, das neu finden, die Erlebnisse, Freuden und Strapazen von Abschied und Transformation? Wozu das alles? Um danach einen noch schwereren Einstieg zurück in ein gewöhnliches, alltägliches Leben zu haben, in dem immer diese Lücke des abwesenden Sinns klaffen wird? Ein Leben in dem ich vermisse was Grund für alles sein sollte?

Vielleicht ist genau das jetzt die Aufgabe, genau das der Sinn der ganzen Übung. Ohne Erfüllung, ohne die große Erkenntnis, ohne die große Frage des Lebens beantwortet zu kriegen, mit leeren Händen, nach all den Jahren, einfach wieder anzufangen wo ich aufgehört hatte. Oder da in der Nähe. Ohne Erwartungen, ohne Ansprüche, ohne Wünsche oder Träume. Ohne Berufung, ohne Partner, ohne Liebe, Sex und Zärtlichkeit, ohne Familie, ohne Clan, ohne Zugehörigkeit, ohne Tribe, ohne alles. Ohne irgendetwas erreicht zu haben, ohne ein Resultat zu verspüren, ohne aus allem etwas gemacht zu haben, ohne Verwirklichung und ohne mich neu erfunden zu haben. Hinzunehmen, dass da Leere ist und nichts weiter. Einfach so, als hätten diese Jahre nichts bedeutet, als wäre nichts passiert, als wär ich einfach mal eben eine Zeit lang nicht gewesen.

Einfach wieder „zurück ins Leben“, einen Job machen, den ich kann und meine Zeit mit Beschäftigungen füllen und rauben. Dinge, die mir die Zeit nehmen mich zu fragen, was der Sinn des Lebens ist und der Sinn des Ganzen war. Der vielen Jahre meiner Suche.

Vielleicht war das der Sinn an sich. Die Suche.

Vielleicht sollte ich gar nichts finden. Vielleicht ist da nichts zu entdecken.

Vielleicht bin ich am Ende und es geht hier nicht weiter.

Vielleicht bin ich durch alle Türchen gegangen, habe alle Fenster geöffnet, wie in einem Adventskalender, und alle Türchen sind leer, nur dass kein Weihnachtsfest folgt.

Nur Stille.

Stille Nacht, heilige Nacht.

Vielleicht ist es hier, wo ich stehe, wie dort, am Ende des Lebens.

Alle Türchen sind geöffnet, alle Wege gegangen, alles gelebt und erlebt und es folgt kein großes Feuerwerk, kein Knall, kein Paukenschlag, keine Fanfaren, keine Party, kein Karnevalsumzug – nur Stille.

Stille. Leere. Dunkelheit.

So hat sich mir der Tod in einem Seminar gezeigt, so war der Tod vielleicht auch für Pä.

Vielleicht hat er sich davor gefürchtet und so ist es vielleicht für alle von uns.

Für die, die Ruhe wollen, Erlösung und Frieden ein Segen, für die, die leben, feiern und einen krönenden Abschluss wollen ein Graus.

Vielleicht ist das der Grund für unsere Angst vor dem Tod, die Stille, das Nichts, die Dunkelheit.

Wir, die im Leben immer weiter und immer höher gegangen sind, gelernt haben, dass es immer weiter gehen muss, am besten aufwärts, und dass nur weiter auch besser ist, wir fürchten den Tod. Er bringt uns nicht das ersehnte Abschlussfest. Keine Krönung, kein Rausch, keine Ekstase und kein BÄM!

Hier stehe ich jetzt und warte hoffnungsvoll auf das finale grande meiner Suche, den großen überirdischen Sinn, der so nicht kommen will. Wie Pä möchte ich mein krönendes Finale, doch so sieht das Ende einer Reise nicht aus. Am Ende kehren wir, so gut wie immer, zurück nach Hause, meist dorthin wo wir her gekommen sind. Oft in ein stilles, etwas kühles Heim und fangen wieder an uns einzurichten, den Raum zwischen den Wänden wieder zu beleben, um uns wohl zu fühlen. Um ein paar Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen reicher, aber dennoch, zurück daheim.

Mir dämmert, dass auch ich wieder da angekommen bin. Ich bin genau dahin zurück gekehrt, nach Hause. Nicht in meine Wohnung, in meine vier Wände und in meine alte Umgebung. Das ist es nicht. Ich bin zurück in meinem Zuhause in mir selbst. Und hier ist alles was ich brauche um mein Heim mit Leben zu füllen.

Meine Reise hat mich Stück für Stück weiter weg von allem da draußen, tiefer und tiefer in mich hinein geführt. Auf diesem Weg habe ich viel gewonnen, aber vor allem viel gelassen. Zurück gelassen was ich nicht mehr brauchen sollte, was nicht mit mir kommen sollte oder wollte, so als hätte ich meine Koffer auf dem Weg ausgemistet. Hüllen, Schichten aber auch Lieblingsstücke abgelegt.

Zuhause anzukommen heißt, die Tür auf zu schließen, die Schwelle zu übertreten, das Licht an zu knipsen und erstmal nur viel Leere zu sehen. Ein stilles, reines, fast unwirkliches Zuhause zu betreten. Ohne Feuerwerk, Party und Gäste. Kühl. Es war lang niemand da.

Mein Heim, das ist der große Raum in mir selbst. Der, der jetzt so viel leerer ist als früher, aber auch freier.

Zuhause, das ist mein Selbst. Und so viele Gesichter wie mein Selbst hat, so bunt ist auch mein Zuhause. Zuhause zu sein heißt jetzt gerade dort, an einer Stelle in mir zu sein, wo ich lange Zeit nicht war. Ich habe einen Raum betreten, in dem ich viele Jahre nicht mehr war. Ich habe das Gefühl eine Tür geöffnet zu haben, durch die ich seit sehr langer Zeit nicht mehr bewusst gegangen bin, ich denke etwa die Hälfte meines Lebens. Ich habe sie nicht wahr genommen. Viele Schichten lagen auf diesem Ich, das ich weder gesehen noch gelebt habe. Zuhause in mir selbst, ja, aber wer ist denn da zu Hause?

Ich bin den ganzen langen Weg gegangen um mich zu finden, immer wieder ein Stückchen mehr, ein neues, altes Gesicht, ein Anteil, dem ich zum ersten Mal in die Augen geschaut habe und zum ersten Mal gefragt habe: Wer bist du? Und was brauchst du? Ich, das waren immer wieder andere. Ich habe viele von mir kennen gelernt und ich glaube sie alle seitdem in mir zu tragen. Manchmal bewusst, oftmals auch nicht. Aber sie sind mir bekannt und vertraut und ich habe sie lieb gewonnen.

Auf diesem Weg habe ich nun auch sie gefunden, meine Teenagerin in mir. Bis jetzt habe ich sie nie bewusst gesehen, ihr nicht in die Augen geschaut und sie nicht erkannt. Sie hat sich bereits gezeigt in meinem Leben, wenn sie mutig genug war und mit der Hoffnung auf Liebe ihr Versteck verlassen hat, doch das hat nie angehalten. Sie hat sich immer wieder zurück gezogen. Ich konnte ihr nicht geben was sie brauchte. Bis zuletzt. Jetzt ist sie da und lässt sich nicht mehr von mir übersehen.

Die Reise der letzten Jahre, auch die Monate am Balkan, hat mich durch all die Schichten geführt, die sich in mehr als 40 Jahren um mein Selbst angesammelt haben. Auf dieser Reise habe ich all die Ichs in kleinen Schritten, vielen Nischen und Verstecken kennen gelernt, die verdeckt waren oder nie einen Raum in mir hatten. Am besten hat sich mein Teenie versteckt und eingenistet. Ich glaube aus Schutz, aus Scham und wegen Schuldgefühlen. Jetzt erst erinnere ich mich zurück, dass ich einige Anläufe brauchte, um sie zu sehen und zu ihr zu finden. Schließlich hat sie mir trotzdem ihr Vertrauen geschenkt. Es ist als hätte ich das scheue Mädchen, das alleine im Wald lebte, in ihrer Höhle entdeckt, hinter vielen Bergen und durch tiefe Wälder hindurch. Als wollte sie nicht gefunden werden und doch hat sie darauf gewartet. Auf mich gewartet. Jetzt weiß ich, dass ich viel lernen musste, viel Sanftheit, Behutsamkeit, Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen und ich musste mich darin üben zu lauschen um sie zu finden. Und sie braucht viel Platz! Sie hat sich mir ein paarmal gezeigt, nur habe ich mich in ihr nicht erkannt, oder sie nicht sehen wollen. Wir waren uns fremd. Das ist jetzt anders. Ich bin sehr froh, dass sie so viel Geduld mit mir hatte und mich herausfordert auch ihr gerecht zu werden.

Wir haben auf der Reise zueinander gefunden, sind zusammen zurück gekehrt und seitdem ist sie mit mir hier. Eine dramatisch-manchmal ziemlich unsanft-romantische Liebesgeschichte. Durch Sturm und Regen, mit Tränen, Wunden und Versöhnungen, um am Schluss gemeinsam unter der Decke vor dem brennenden Feuer zu kuscheln. Durch dick und dünn, für immer verbunden. So mag sie es. Wir sind zuhause.

Aber hier hört die Reise natürlich nicht auf. Daheim zu sein heißt, sie zu sehen, mich mit ihr zu sehen, mich zu sehen. Zu erkennen, anzuerkennen und sie voll und ganz zu akzeptieren. Sie ernst zu nehmen, ihr Raum zu geben und mich mit ihr zu zeigen, auch wenn das gerade noch eine Herausforderung für mich ist, für die 42jährige Frau. Meine Teenagerin möchte gesehen und gehört werden, also ist es meine Aufgabe ihr eine Stimme zu geben, sie nach außen zu tragen, in die Welt, mit ihr und für sie in Kontakt zu gehen. Mit all dem, was ein Mädchen in dem Alter eben so bewegt. Sie will mich lehren Scham zu überwinden und radikal ehrlich zu sein.

Ihr eine Stimme zu geben heißt sie zu lieben. Mich zu lieben.

Das ist mein Weg. Das ist mein Ziel. Das ist (vermutlich, zumindest jedenfalls für jetzt) das Ende dieser Reise nach innen und der Beginn einer neuen Etappe. Der Reise nach außen. Bewusst, ehrlich und ganz.

Das ist der Sinn, den ich gefunden habe, als in diesen dunklen ersten Novembertagen und Nächten Gedanken und Gefühle geflogen kamen. Das ist die Antwort auf diese große Frage, die bis hierhin vielleicht größte in meinem Leben, die Frage nach dem Sinn all der Jahre, meiner Suche und meines Weges. Die Antwort ist: nach Hause zu finden.

Mein Weg, meine Reise hat mich in mein Zuhause in mir selbst geführt.

Kein weltbewegendes Ereignis, keine Erleuchtung, keine geniale Erfindung, brandneue Lebensprojekte oder große Ziele. Nichts davon ist das Resultat meiner Reise. Nichts ist hierbei für andere wirklich sichtbar. Doch ich habe ein Geschenk erhalten, das für mich von unermesslichem Wert ist, mit bloßem Auge und ohne viel Gespür kaum wahrzunehmen. Me. back home.

Soundtrack my teenie LOVES: melancholic synth pop and (preferably) men sounding real desperate (haha)

3 thoughts on “Bis auf den Grund

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  1. Ich habe die Reise
    nach innen
    nach aussen
    soweit begangen

    den Sinn
    habe ich
    in beiden Welten
    mir nicht gefunden

    selbst im wirklichen Traum
    bin ich nicht der Author selbst

    ich spiele in allem
    in der Welt
    der Innenwelt
    nur eine Nebenrolle

    so gehe ich
    trotz allem Scheitern
    von unerfüllter Sehnsucht beladen

    über die Mitte des Lebens
    längst hinweg

    mit all meinen Sünden
    auf meinen Rücken gebunden

    als ein einfacher Mensch
    das Ziel ist der Tod
    meine die letzten Pfade

    Liked by 1 person

    1. Lieber Hans,
      ich danke dir vielmals für deine Worte! Es berührt mich von irgendwo da draußen einen ebenso persönlichen Einblick zu kriegen wie ich ihn gerne teile (auch wenn es mich manchmal Mut kostet).
      Die Frage nach dem Sinn unserer Leben begleitet uns vielleicht ein Leben lang, vielleicht auch zwei oder mehrere. Sie ist mal Antrieb, mal Gewicht, das uns zu bremsen scheint.
      Auch ich kenne das Gefühl unerfüllter Sehnsucht, zu gut, und wünschte oft es wäre anders. Ist es nicht, und das aus einem guten Grund, auch wenn sich mir dieser entziehen will. Wessen ich mir jedoch sicher bin, es gibt diesen Grund und es gibt den Sinn, selbst wenn die Suche an sich der Sinn ist.
      Was kann daran Scheitern sein? Wir sind Suchende und die Frage ist dabei doch oft mehr wert als eine Antwort, öffnet uns eine nächste Tür. Mit einer Antwort finden wir ein Ende, einen Abschluss und damit vielleicht eine Begrenzung, die uns für das, was noch kommen kann, blind macht.
      Ich wünsche dir, dass deine “Sünden” dich reicher gemacht haben. An Erfahrung, Emotionen, an Weisheit, an Mitgefühl und vielleicht ja auch manchmal an Vergnügen, Freude, Lust und Energie. Bei mir ist da noch Luft nach oben, ich habe viel zu wenig “Sünden” begangen und hoffe, dass mir mein Leben noch ausreichend Gelegenheit dazu geben wird. Dass ich die Freiheit verspüre sie zu wagen und am Ende mit einem wissenden Lächeln zu gehen.

      Liebe Grüße,
      Andrea

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      1. Liebe Andra,

        Herzlichen Dank für Deine Antwort, die mich so berührt haben, dass ich Dich umarmen möchte.

        Das Leben fordert mich als ganzen Menschen heraus. Da ich der Innenwelt, genau soviel Beachtung wie der Aussenwelt schenke und schenken möchte.

        In zwei Welten zu leben, ist die Deutung für den Sinn des Lebens nicht einfach.

        Ich lebe ein Leben, nicht eines davor, nicht eines danach.

        Doch, dass ich Dir, nur über Worte und Dein Bild begegnet bin, macht meine Gefühle von Freude und Dankbarkeit wach.

        Dagegen ist auf dem Weg den Sinn des Lebens zu finden, gleich einem Kerzenlicht, dass von einem Atemzug zum anderen erlöscht und verblasst.

        Dem Sinn ist dem so, wenn Deine Augen mich berühren, und mein Leib, durch Deine Anwesenheit mir erschauert.

        Verstehen heisst auf das Unnahbare eine Antwort, aus ganzer Seele zu erarbeiten.

        Eine Umarmung, dessen das auch den anderen erschüttern mag, wie innigste Liebkosungen und Küsse.

        Das Scheitern, das Versagen, das eigene Unrecht an sich und anderen, widerspricht mir der unteilbaren Menschenwürde die ich mir als Sünde benenne.

        Erinnerungen, halten meine Taten bis in die früheste Kindheit mir wach.

        Was kommen mag, dem eilen Gedanken voraus. Es ist mir keine Sünde, die Freude, die Lust, das Vergnügen mit Dir teilen zu können.

        Das Lächeln um Deinen Mund, es muss dem Wissen nicht den Nacken beugen.

        Die Begierde mit der eigenen vereint, die des anderen zur Wohllust und für sich selbst durchdringt, von den Lippen desjenigen den man innig mag trinken zu können.

        Herzliche Grüße
        Dein Hans

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